D2045 Szenarien

Welche Projektionen können zusammen in der Zukunft vorkommen – und wie hängen sie zusammen?

Landkarte der sieben D2045-Szenarien nach Klimazielen und Wachstumsmodellen

Die Phase der eigentlichen Szenarioentwicklung ist besonders intensiv, gilt es doch, aus der Vielzahl der Schlüsselfaktoren und ihren möglichen, alternativen Zukunftsentwicklungen in sich stimmige, plausible Zukunftsbilder zu generieren.

Jedes der sieben Szenarien, die wir identifiziert und beschrieben haben, nimmt für sich in Anspruch, Deutschland bis 2045 klimaneutral machen zu wollen. Bei näherem Hinsehen gibt es jedoch auch innerhalb des Wunschraums (zur Erinnerung: unser Fokus in diesem Projekt lag auf potenziall wünschbaren Szenarien!) beträchtliche Unterschiede. Um die Breite des Spektrums unterschiedlicher Wunschzukünfte deutlich zu machen, sind wir wieder sehr systematisch vorgegangen. Getreu dem Prinzip: Erst die Szenarien entwickeln, dann bewerten!

So sind wir vorgegangen:

1: Vernetzungsanalyse
Ein Teil des Szenarioteams hat sich erst einmal zurückgezogen und unsere immer größer gewordene Zahl an Schlüsselfaktoren (45) einer Vernetzungsanalyse unterzogen. Aus zwei Gründen: Zum einen wollten wir besser erkennen können, welche unserer Schlüsselfaktoren die aktiv treibenden sind und stark vernetzten sind welche nur passiv von anderen getrieben sind. Zum anderen wollten wir mit Blick auf den nächsten Schritt, die Konsistenzanalyse (siehe Punkt 2.) ein wenig Komplexität reduzieren. Wir haben dazu aber nicht die 45 Schlüsselfaktoren auf Wechselwirkungen hinbewertet, sondern ihre 90 “Kerndimensionen” (siehe die vorangegangene Phase 2). Dadurch wurde das Bild schärfer. Paarweise haben wir bewertet, wie stark sich diese gegenseitig beeinflussen. Das war kein Spaß, denn dafür mussten 8.010 Kästchen wohlüberlegt mit Zahlenwerten zwischen 0 (keine Wirkung auf…) und +3 (starke Wirkung auf…) gefüllt werden.

Das Ergebnis war das Aktiv-Passiv-Diagramm rechts. Wenig überraschend: “Präventiver Klimaschutz” (Faktor 34) und “Klimaanpassung” (Faktor 33) rangieren ganz weit oben im Ranking der einflussreichsten Zukunftsfaktoren. (Die vollständige Auswertung findet ihr in der PDF-Datei am Ende dieser Seite.)

2: Konsistenzanalyse
Durch die Vernetzungsanalyse (siehe Punkt 1.) war das Bild klarer geworden, auf welche Schlüsslfaktoren es vor allem ankommt. Diese wurden anschließend einer softwaregestützten Konsistenzanalyse unterzogen. Dafür wurden sämtliche Projektionen der 24 wichtigsten Schlüsselfaktoren paarweise danach bewertet, wie gut sie in der Zukunft zueinander passen bzw. wie widerspruchsfrei (konsistent) sie sind. Die Skala reicht von 1 (völlige Inkonsistenz) bis 5 (sehr starke gegenseitige Unterstützung).

Wenn man das, wie wir, gründlich macht, dauert das – weshalb die Konsistenzmatrix bei Zukunftsforschenden bisweilen das Image eines “Folterwerkzeugs” hat 😉

3: Berechnung der Kernszenarien
Den nächsten Schritt hat uns dann die Szenariosoftware von ScMI abgenommen. Auf Basis unserer Konsistenzbewertungen der Projektionen der 24 wichtigsten Schlüsselfaktoren hat sie uns konsistente Projektionsbündel ausgerechnet, die sogenannten Rohszenarien, und diese, nach Ähnlichkeit angeordnet, als Clusterplot ausgeworfen. “Zukunftsraum-Mapping” nennen wir das. (Für Mathematiker: das Verfahren dahinter heißt “multidimensionale Skalierung”).

Aus der unglaublichen Zahl von 11.529.215.046.070.000.000.000.000.000 (rund 11,5 Quadrilliarden) möglichen Szenarien haben sich nach softwaregestützter Clusterung 7 konsistente Rohszenarien ergeben.

4: Ergänzung der Szenarien und Überarbeitung der Zukunftslandkarte
Vielleicht erinnert ihr euch: Ursprünglich sind wir mit 45 statt nur 24 Schlüsselfaktoren gestartet (siehe Phase 1). Aber die 21 Faktoren, die wir bislang nicht verwendet hatten, sind keinesfalls unter den Tisch gefallen. In einem nächsten Arbeitsschritt haben wir sie nämlich den errechneten Rohszenarien nachträglich zugeordnet.

Das erste Bild auf den Zukunftsraum hat sich dadurch kaum noch verändert, lediglich weiter ausdifferenziert. Mit anderen Worten: Wir lagen richtig!

5: Interpretation der Zukunftslandkarte
Jetzt begann der interessanteste Teil der Szenarioarbeit: Die Analyse und Deutung des von der Software errechneten Ergebnisses. Dabei sind wir wie Zukunftsarchäologen vorgegangen und haben versucht, zu ergründen, was sich hinter den einzelnen Rohszenarien verbirgt. Dazu haben wir uns eine Reihe von Fragen gestellt. Beispiele:
– Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen den Szenarien? Was ihre Gemeinsamkeiten?
– Worin unterscheiden sie sich im Hinblick auf Klimaziele, Wachstumsmodelle und soziale Gerechtigkeit?
– Wer oder was sind die treibenden Kräfte hinter den Szenarien? Wer Gewinner und Verlierer?
– Was lässt ein Szenario besonders attraktiv erscheinen? Und wo deuten sich bereits Interessenkonflikte an?

Diese und andere Fragen haben wir in zwei Workshops intensiv mit unserem 40köpfigen Szenarioteam bearbeitet: Am 18.7.2023 waren wir dafür bei der AOK PLUS in Leipzig zu Gast, und am 23.8.23 haben wir in einem Hybrid-Workshop bei ScMI in Paderborn weiterdiskutiert.

6: Beschreibung der Szenarien
Da eine reine Auflistung von Stichworten, in diesem Fall: verknüpften Projektionen, allein noch kein anschauliches Bild erzeugt, haben wir schließlich jedes der sieben Szenario beschrieben. Nach einer alle Szenarien gleichen Struktur haben wir für folgende Themenbereiche die Kernaussagen jedes Szenarios zusammengefasst: Wirtschaft, Arbeitswelt, Innovationssystem, Klimaschutz, Infrastrukturentwicklung, Werte und Gesellschaft, Rolle der Politik, Außen- und Sicherheitspolitik. Auf Basis der Inputs aus unserem Szenarioteam haben wir die Szenarien weiter verfeinert, zugespitzt und hier und da nachjustiert.

Natürlich ließe sich jedes Szenario noch in eine anschauliche Story mit Entwicklungsweg und handelnden Personen gießen. Uns kam es jedoch in dieser Phase vor allem auf die Architektur des Szenarioraums und die Unterschiede zwischen den Szenarien an. Warum? Unsere Vermutung ist, dass sich insbesondere an den Grenzlininen der Szenarien Potenzial für Zielkonflikte auf dem Weg in ein klimaneutrales und soziales Deutschland der Zukunft verbirgt.

Diese Zielkonflikte aufzuspüren, ist das Ziel der gerade laufenden Phase 4 in unserem Prozess. Dazu mehr, sobald wir diese Phase abgeschlossen haben…

Neue Horizonte 2045-Szenarien (PDF)
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