Zukunft braucht Diskurse

Mut und Ausdauer für unabhängige, kritische und konstruktive Zukunftsdebatten wünscht die Initiative D2030 dem Futurium zu seiner Eröffnung am 5. September 2019!

Wir leben in aufgeregten Zeiten…

in der grundlegende Umbrüche auf kurzatmige Debatten treffen. Obwohl eine Vielzahl von Themen fortwährend diskutiert wird, fehlt oft das Verbindende und Verbindliche. Dies zeigt deutlich: Der Gesellschaft ist der Kompass abhandengekommen. Sie befindet sich vielmehr in einem „rasenden Stillstand“ einer nicht erst seit gestern diagnostizierten Unübersichtlichkeit. Migration, Diesel-Fahrverbote, Mietendeckel, Trump, Fake News, Brexit, AFD, Crispr/Cas9, „me too“, Kohleausstieg, Pariser Klimaabkommen oder das Gespenst bzw. die Verheißung der Künstlichen Intelligenz – die Bandbreite der Themen, die uns umtreiben, ist enorm. Einfache Antworten darauf kann es nicht geben. Die Frequenz und Gleichzeitigkeit des Auftretens dieser Themen und komplexen Probleme sowie ihre Eingriffstiefe überfordern Politik und Gesellschaft. Nervosität kennzeichnet auch deshalb das Muster vieler medialer Debatten. Das Neue ist das Fremde. Auf das Fremde wird mit dem Rückgriff auf das Alte reagiert. Obwohl alle Innovationen wollen, sollte am besten alles beim Alten bleiben. Open Innovation wird in einer Großen Koalition aus Politik (wie dem Bundesforschungsministerium), Wissenschaft (wie der Max-Planck-Gesellschaft) und der Wirtschaft (wie dem Bundesverband der deutschen Industrie und den deutschen TOP-Konzernen) als Antwort und rettende Maxime im Munde geführt. Im Konkreten bleibt man lieber unter sich. Dies zeigt nicht nur die kurze Geschichte der Agentur für Sprunginnovationen oder auch die Enquete-Kommission zu Fragen der Künstlichen Intelligenz. Beide „Veranstaltungen“ hätte die Chance innegewohnt, einen breiten und offenen Zukunftsdiskurs zu führen. 

Die Zeit ist reif

Aber solche Diskurse über die Zukunft kann man nicht von oben planen oder verordnen. Der 68er-Bewegung eilte kein Ruf nach einem Diskurs voraus. Sie fand statt, weil die Zeit reif war. Mit der „Fridays for Future“-Bewegung scheint es ähnlich zu sein. Seit einem Jahr bestimmt sie die Agenda der Politik und bietet ein faszinierendes Lehrstück lebendiger Demokratie und auch einen Ausdruck für eine radikal veränderte Medienöffentlichkeit. Wie alle Diskurse wird auch dieser entlang der bekannten S-Kurve (Aufstieg – Gipfel – Abstieg) verlaufen. Nüchtern betrachtet, kann der dahinter liegende Zukunftsdiskurs kein Ende haben, sowenig wie er einen klaren Anfang hatte. Geht es doch um eine tiefgreifende Transformation einer Gesellschaft, die auf das Engste mit Wachstum und Konsum verbunden ist. Es wäre eine falsche und unhistorische Erwartung, dass Greta Thunberg und die Schülerinnen und Schüler einfach mal „kurz die Welt retten“. Was dieser Diskurs sicher leistet, ist die Eröffnung eines Zeitfensters für ein gesellschaftliches Nachdenken über eine grundsätzliche Um- oder Neuorientierung. So gesehen hat er die Qualität einer „sozialen Innovation auf Zeit“. Er verschafft unserer repräsentativen Demokratie die Chance zur Reflektion. „Fridays for Future“ zeigt die Selbstorganisationsfähigkeit selbst komplexer Systeme. Es ist kein Misserfolg, wenn die Bewegung irgendwann an Kraft verlieren wird. Entscheidend sind die nicht nur bei den Jugendlichen freigesetzten Lernprozesse. Sie werden weiter wirken und ihr Denken und Handeln beeinflussen. Weitere Zukunftsdiskurse zur „großen Transformation“ werden folgen, so viel ist sicher.

Mut zur Transformation

Aus der Sicht eines nachdenklichen Zeitgenossen wäre es erforderlich, dass eine Gesellschaft im Umbruch auf solche Diskurse vorausschauend reagiert. Benötigt werden Schnittstellen zu politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen, deren strukturelle Öffnung und neue Beteiligungsformen, die das aktive Mitgestalten auch experimentell ermöglichen. In solchen Zeiten des Umbruchs muss der brüchig gewordene gesellschaftlichen Konsens runderneuert werden. Zukunftsdiskurse sind dafür ein Instrumentarium, ein kommunikatives Werkzeug. Ansätze wie Reallabore, Maker-Labs, Start-ups, Open Source, Open Innovation, Open Data-Bewegungen, Design und Szenario Thinking, Agiles Arbeiten und Co-Working zeigen bereits neue Pfade in die Zukunft auf. Wir brauchen mehr davon.

Die Initiative D2030 wird 2020 ihren Szenario-Blick auf 2030 vertiefen und in vielen Zukunftsdiskursen mit Jugendlichen und allen Interessierten erweitern. Wir laden alle Akteure ein, die sich – wie das gerade eröffnete Futurium – für eine innovative und konstruktive Gestaltung der Zukunft einsetzen, daran mitzuwirken. Wir halten Sie auf dem Laufenden.