Interview mit Wilhelm Bauer

Frage: Welche Rolle spielen Sie in der Diskussion um die Zukunft der Arbeit?

Bauer: Die Rolle, die wir spielen, ist, dass wir angewandte Forschung zum Thema Arbeit
der Zukunft und Zukunft der Arbeit machen. Der Auftrag von Fraunhofer ist erstens das Erkenntnisinteresse: Wie verändert sich Arbeit im Zuge der digitalen Transformation tatsächlich? Das ist ein wesentlicher Schwerpunkt. Zum Zweiten natürlich, Erkenntnisse
auch in die Wirtschaft, in die Unternehmen zu transportieren und dazu beizutragen, dass Unternehmen sich darauf einrichten können und ihr Geschäftsmodell so weiterentwickeln, dass sie in Zukunft erfolgreich sind und auch in Zukunft ausreichend viel Beschäftigung generieren können.

Nach einer Studie von Frey und Osborne gehen in den USA durch die Digitalisierung bis 2030 etwa 50 Prozent der Arbeitsplätze in der Industrie verloren – für Deutschland kommt eine Studie zu einem ganz anderen Ergebnis, nämlich nur 12 Prozent. Wie passt das zusammen?

In der Unterschiedlichkeit der Zahlen sehen wir, dass man die Entwicklung nicht exakt prognostizieren kann. Man muss auch fair sein, die Kollegen Frey und Osborne haben geschaut: Welche Art von Tätigkeiten und damit welche Jobs, werden in den nächsten
20 Jahren so nicht mehr da sein? Die Studie hat sich nicht explizit damit beschäftigt,
was für neue Aufgaben und neue Jobs entstehen. Deswegen sind die Zahlen teilweise sehr unterschiedlich. Denn am Ende ist die Frage: Wie sieht die Bilanz unter dem Strich aus?
Dass wir Veränderungen in einer solchen Transformation erleben, ist völlig klar. Das hatten wir in allen Industrie-Veränderungs-Phasen, dass einerseits Aufgaben verschwunden, aber auch neue entstanden sind. Die entscheidende Frage lautet: Was müssen wir tun, um zukünftig neue Jobs zu generieren? Eine aktuelle Studie des IAB, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, hat kürzlich ebenfalls Zahlen genannt: In den nächsten zehn Jahren für Deutschland ein Verlust von etwa 490 000 Arbeitsplätzen, aber auch die Neugenerierung von etwa 460 000. Da gibt es ein Delta, 60 000, das kann man in Deutschland mit der demografischen Veränderung, mit dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation, eigentlich ganz vernünftig kompensieren. Aber der entscheidende Punkt ist: Werden wir die 430 000 neuen Jobs durch intelligente neue Produkte, Lösungen, Services und Dienstleistungen schaffen können? Daran müssen wir intensiv arbeiten.

Welche Tätigkeiten sind durch die Automatisierung besonders gefährdet?

Es sind, wenn man es grundsätzlich betrachtet, vor allem die Aufgaben, die hoch standardisiert und formalisiert sind. In den Büros und Verwaltungen sind es die Sachbearbeiter-Tätigkeiten und in der Industrie die typischen Facharbeiter-Tätigkeiten.

Ein Beispiel?

In der Fabrik ist das ein Maschinenbediener, der bisher einer Maschine mit Knopfdruck gesagt hat: Jetzt tu was! Diese Tätigkeiten werden zukünftig durch Algorithmen, durch intelligente, autonome Systeme, durch Software, die selber Entscheidungen trifft, ersetzt werden können.

Umgekehrt: Was lässt sich nicht so einfach automatisieren?

Menschen werden auch in Zukunft alles das machen, was mit Kreativität zu tun hat, mit Interaktion zwischen Menschen, mit Kommunikation und Austausch, mit der Entwicklung von Konzepten, von Lösungen, von Produkten, von Services. Denken wir zum Beispiel an die Pflege von Menschen. Da ist zwar zu erwarten, dass Roboter dort auch bestimmte Aufgaben übernehmen, aber die Hinwendung zum Menschen, den Austausch, das werden Maschinen so schnell nicht übernehmen können.

Was sind die Treiber dahinter?

Das eine ist die komplette Vernetzung mit dem Internet. Das heißt, die technischen Möglichkeiten, Maschinen, Anlagen, Produkte mit dem Internet zu verbinden. Diese bekommen eine IP-Adresse, ein Funkmodul beispielsweise, und können sich dann im Internet und über das Internet miteinander austauschen. Außerdem werden Maschinen sensorisch.
Sie bekommen „Augen“ und „Ohren“, nämlich Kameras, Bewegungssensoren, Beschleunigungssensoren, Positionssensoren und so weiter, und können ihren Zustand an andere Maschinen oder an Menschen weitergeben. In diesem Internet of Things, haben wir unendlich viele Daten. Diese Daten nun mit Data Analytics, mit entsprechenden Algorithmen zu analysieren, daraus automatisch Schlussfolgerungen zu ziehen und dann wieder Befehle an Maschinenanlagen zu geben, also an die Aktorik, das ist im Wesentlichen der Content, aus dem diese Transformation entsteht und besteht. Das heißt, Technik wird immer autonomer, weil sie anfängt „zu denken“, also Schlussfolgerungen aus bestimmten Bedingungen zu ziehen.

Nehmen wir als Beispiel einen großen Seehafen, da sind heute bereits viele Prozesse automatisiert. Wenn die Containerfrachter den Hafen anlaufen, wissen die Kranführer bereits…

…welche Container da sind…

Welche Container müssen runter vom Schiff, welche kommen rauf? Aber was bisher immer gebraucht wurde, war ein Integrator: Der Mensch, der die Software geschrieben hat, der die unterschiedlichen Elemente der Logistikkette wie Glieder ineinandergefügt hat, der das Ganze betrachtet und optimiert hat. Wird auch der Integrator seinen Job an Maschinen verlieren?

Ich halte das für eine mögliche Entwicklung und in gewissem Umfang auch für wahrscheinlich. Es ist völlig klar, dass die Technik sich so weiterentwickelt, dass sie bestimmte Systemzustände automatisch generiert. Das heißt, bestimmte Protokolle sind so, dass sich Komponenten automatisch miteinander verbinden können, dass aus Teilsystemen Gesamtsysteme werden, dass sich ein Greifer an einem Roboter beispielsweise per Software in einen bestimmten Zustand bringt. Insofern kann man schon sagen, dass die Technik sich selber konfigurieren kann. Ob sie sich auch selber entwickeln kann, da sind wir noch sehr weit von entfernt. Ich schätze, das wird noch Jahrzehnte brauchen.

Die Ingenieure hören einfach nicht auf zu arbeiten…

Und wir haben auf der Welt immer mehr Ingenieure, weil viele Menschen höhere Qualifikationsniveaus erreichen. Deswegen ist meine These: Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, solange wir gerne arbeiten werden und solange uns Arbeiten eine Erfüllung gibt. Ich glaube nicht an eine Gesellschaft, die morgens, wenn sie aufwacht, im Bett bleibt und mal guckt, ob der Roboter nicht das Frühstück bringt und man den Tag einen guten Mann sein lässt. Sondern ich glaube, zu arbeiten ist für viele Menschen ein wichtiger, vielleicht für viele der wichtigste Lebensinhalt. Deswegen glaube ich sehr, dass uns, auch wenn von der heutigen Arbeit vieles von der Technik ersetzt und übernommen werden wird, ausreichend viele neue Dinge einfallen werden. Dass die Ingenieure noch ungeahnte neue Produktideen generieren, ganz neue Plattformstrategien entwickeln, sich neue Services ausdenken, die wir alle heute nicht kennen. Damit entsteht ausreichend viel Neues, das zu Beschäftigung beiträgt.
Wir haben heute, 2016, wenn ich mich mal hier in der Region Stuttgart umschaue, nahezu Vollbeschäftigung. Wir haben mehr Arbeit denn je, wir haben überhaupt in Deutschland im Moment ein Beschäftigungsniveau, wie wir es noch nie hatten, obwohl wir die letzten 20, 30 Jahre ja auch automatisiert haben und immer versucht haben, Rationalisierungseffekte zu heben.

Sie sind also nicht pessimistisch?

Nein, ich bin optimistisch, will das aber nicht schön reden. Wir erleben eine Veränderung, wir sind in einem Transformationsprozess, wir generieren andere Jobs und Aufgaben. Wir werden uns viel mehr um digitalen Content kümmern müssen. Dafür brauchen wir Kompetenzen in der Informatik, in den Medienwissenschaften und in der Mathematik. Wenn wir jetzt bedenken, dass das ein ziemlich unbeliebtes Schulfach ist, dann ist das schon ein Problem. Wir brauchen aber nicht nur Informatiker, wir brauchen auch in anderen Disziplinen, in der Elektrotechnik, im Maschinenbau, übrigens auch in Sozialberufen viele Menschen, die bereit und interessiert sind, sich mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen.

Noch ein Beispiel?

Wenn ich an das Gesundheitssystem denke, das sich natürlich auch immer mehr auf Plattformen und mit Smart-Health-Komponenten weiter entwickeln wird, dann werden viele Menschen Bezüge dazu haben. Sie müssen nicht selber Informatiker sein, aber sie müssen in der Lage sein, mit Informatikern und mit entsprechenden Spezialisten gemeinsam neue Geschäftsideen und neue Dienste und Serviceangebote zu entwickeln. Das ist die Herausforderung, glaube ich, für unser Aus- und Weiterbildungssystem und für die Unternehmen und übrigens auch für die Beschäftigten selbst. Mir ist ganz wichtig zu sagen: Wir müssen auch in unserer Gesellschaft viel Aufmerksamkeit dafür erreichen, dass jeder selber für sich etwas tun kann und muss, um seine Beschäftigungsfähigkeit in dieser zukünftigen digitaleren Welt zu verbessern und sicherzustellen.

Was genau sollte der Einzelne tun?

Das Wichtigste, was ich einem jungen Menschen rate, ist, dass er ganz tief in sich hineinhört und herausfindet, wofür er wirklich brennt, was ihm Freude bereitet und wo er interessiert ist, sich einzubringen. Das Zweite, wenn er wirklich Spaß an Digitaltechnik, an Medien, an Informatik, an Datenspezialistentum hat, dann, glaube ich, ist heute niemand schlecht beraten, wenn er sich für solche Berufe entscheidet. Es ist mit Sicherheit so, dass wir dort in der Zukunft erhebliche Nachfrage haben werden. Die haben wir genauer gesagt heute schon. Wir haben hier in der Region ganz viele Unternehmen in den Bereichen Automobilbau und Maschinenbau, die bauen jetzt Datenabteilungen auf. Das gab es so früher nicht.

Was sollten Unternehmen tun?

Unternehmen müssen überlegen: Was sind meine zukünftigen Märkte und wie viel Digitalisierung werden diese Märkte in meinen Produkten, in meinen Dienstleistungsangeboten abfragen? Und sich darauf ausrichten. Konkret heißt das, dass Unternehmen anfangen müssen, über das traditionelle Geschäft, das oftmals sehr – typisch deutsch vielleicht – produktorientiert ist, hinauszudenken und viel mehr in Anwendungssystemen
zu denken, sich in Plattformen zu bewegen: Wie werden denn meine Produkte später in
ein komplexeres Ökosystem eingebunden sein? Das heißt: Die zukünftige Art von Wertschöpfung, die viel mit Vernetzung, mit Plattformen zu tun hat, wirklich adressieren.

Was verstehen Sie unter Plattformen?

Ein gutes Beispiel ist die Plattform, die die Firma Apple mit ihrem App-Store zur Verfügung stellt, wo Sie sich bestimmte Anwendungen herunterladen können und die auf Ihrem Smartphone zum Einsatz bringen. Stellen wir uns das bei zukünftigen Maschinen vor:
Sie haben irgendeine Werkzeugmaschine, und die wird nun an die Plattform angebunden. Maschinenbauer gründen auch Unternehmen, die Plattformen bereitstellen und die dann von den Nutzern heruntergeladen und installiert werden. Wir sprechen gerne vom cyber-physikalischen System. Das Auto ist ein schönes Beispiel. Ich denke an eine Software-Plattform, auf der bestimmte Dinge liegen, die in dieses Fahrzeug programmiert werden, durch Download. Das ist ein völlig neuer Weg eines software-defined product, das dann zu einem software-defined manufacturing führt und in einem software-defined Logistiksystem oder auch einem software-defined Auto münden kann.

Was kommt in der Mobilität auf uns zu?

Im Fahrzeug selber haben wir heute große Bildschirme und die Möglichkeit, darauf alles Mögliche zu tun, zu navigieren, vielleicht demnächst Emails zu bearbeiten. Jetzt kann man sich ja vorstellen, dass wir auf dieses Fahrzeug eine bestimmte Software downloaden, die uns zum Beispiel mehr Motorleistung zur Verfügung stellt. Oder neue intelligente Fahrassistenz-Systeme, die ich möglicherweise on the fly, während des Fahrens downloaden, installieren und nutzen kann, bis hin zu E-Commerce, irgendwelche konsumorientierten Dinge, sodass ich während der Fahrt Produkte bestellen und mein tägliches Leben organisieren kann. Aber es geht nicht nur ums Autofahren, sondern darum, mobil sein. Ich möchte von A nach B, und eine Plattform stellt mir verschiedene Verkehrsträger zur Verfügung und leitet mich:
Fahr jetzt mit dem Fahrrad und ab dort mit dem Auto und dann bitte mit der S-Bahn, und dann steigst du noch mal um in ein anderes Verkehrsmittel. Darunter liegt eine Plattform. Vielleicht bietet sie mir auch an, dass ich am Zielort etwas anschaue und dann eine Auswahl treffe, und stellt mir das Produkt, das ich da besichtigt, ausgeguckt und ausgewählt habe, bis ich zu Hause bin vielleicht über ein entsprechendes Logistiksystem zur Verfügung. Es liegt sozusagen eine Software-Schicht unter allem, was wir physisch tun. Die intelligente Verknüpfung bringt den Mehrwert.

Ist die deutsche Industrie dafür gut aufgestellt?

Die deutsche Industrie ist ja zurzeit extrem erfolgreich. Wir sind in vielen Bereichen echte Weltmarktführer. Trotzdem müssen wir uns fragen: Ist die Industrie auch gut aufgestellt für dieses kommende, neue Business, für die plattformbasierten, datenbasierten Geschäfte?
Da muss man sagen, da ist noch Luft nach oben. Vor allem wenn man sieht, dass wir auf diesem Feld mit international sehr erfolgreichen Plattform-Konzernen wie Google, Facebook, Amazon und so weiter konkurrieren. Die Herausforderung, die jetzt vor uns liegt, ist, dass wir in unserem bisherigen Kerngeschäft, dort, wo wir so stark waren und sind, im Automotive-Bereich und im Maschinenbau, dass wir dort diese Transformation hinbekommen. Da sind wir jetzt im Wettbewerb. Ich habe den Eindruck, dass die Unternehmen in Deutschland schon den Gong gehört haben, dass also ein großes Bewusstsein da ist, dass man sich transformieren muss. Ich bin da persönlich auch optimistisch, dass unsere Kernbranchen jede Chance haben, den Weg auch erfolgreich zu gehen. Aber es ist klar, das ist kein Selbstläufer.

Was heißt das konkret?

Für die größeren Unternehmen, für die Weltmarktführer habe ich da eine gute Hoffnung.
Wo ich mir ein bisschen Sorge mache, ist eher im Mittelstand, auch in den kleineren Unternehmen, die ja in Deutschland das Gros der Beschäftigung ausmachen. Da sagen Analysen aktuell, dass die Innovationsfähigkeit dort eher ein bisschen leidet, sogar zurückgegangen ist. Deswegen glaube ich, dass es eine gesellschaftliche und auch politische Verantwortung gibt, den kleineren und mittleren Unternehmen zu helfen und sie mit entsprechenden Programmen im Bereich Bildung und Weiterbildung zu unterstützen. Die haben teilweise volle Auftragsbücher, kaum Zeit, sich mit Innovation auseinanderzusetzen, oder jedenfalls nicht in dem Maße, wie es in einer solchen Phase der Transformation notwendig wäre.

Vielleicht war es gar keine schlechte Idee, dass Europa irgendwann mal Airbus aus dem Boden gestampft hat, sonst wären wir heute weitgehend auf Boeing angewiesen. Aber im Computer- und Softwarebereich sind Deutschland und Europa nicht so gut aufgestellt. Ich denke an Google, Apple oder Microsoft.

Das ist richtig. Aber wir sind in anderen Bereichen stark. Und jetzt kommen die beiden Dinge zusammen. Und in diesem Zusammenkommen bestehen alle Chancen. Man muss das nicht alles selber haben, mit vernünftigen Verträgen kann man auch viel in Kooperation organisieren. Bosch und Siemens machen Plattformen für Industrie 4.0 und verkaufen sie auch. In dem Bereich, wo wir stark sind, im Mobilitätsgeschäft, im Maschinenbaugeschäft, in traditionellen Branchen, bin ich sehr optimistisch, dass wir die so weiterentwickeln, dass wir dort Weltmarktanteile und vielleicht sogar -führerschaft erreichen können.

Auch was die Organisations- und Businessmodelle anbelangt?

Ja, natürlich. Die Business-Modelle, plattformbasierte Geschäftsmodelle, das ist nichts, was man hier nicht könnte und worüber man hier nicht diskutieren würde. In der Organisation sind unsere Unternehmen relativ agil. Ich hatte vorhin über den Mittelstand gesprochen, der vielleicht eine besondere Herausforderung hat. Andererseits ist es immer so gewesen, dass die kleineren Unternehmen sich sehr schnell anpassen können. Sie sind wandlungsfähig. Sie haben nicht die starren Strukturen wie große Organisationen. Mir wäre es aber lieber, wenn sie proaktiver agieren würden: Wartet nicht, bis es nicht mehr anders geht, sondern steigt ein in die Entwicklung dieser neuen Produkte und Services!

Warum wird an den Schulen so wenig Programmieren gelehrt?

Ich habe programmieren im Maschinenbaustudium gelernt. Ich würde mir, ehrlich gesagt, auch wünschen, dass wir in den Schulen mehr tun. Ob es in diesem Alter schon richtig Programmieren sein muss, weiß ich nicht. Aber Medienkompetenz und IT-Kompetenz zu vermitteln, das scheint mir schon wichtig zu sein. Unsere jungen Leute sind alle relativ IT-affin, aber sie sind es auf einer Nutzungsebene. Wir müssen erreichen, dass auch das Systemverständnis dahinter entsteht. Ich würde mir schon vorstellen, dass wir an der Schule entsprechende Fächer haben, gerne auch in modernen Formaten, indem wir zum Beispiel Menschen aus der Wirtschaft in die Schulen holen. Das ist mir fast noch wichtiger als das echte Programmieren-Lernen. Das kann ich dann in einer höheren Stufe unterrichten oder
im Studium. Aber das Verständnis zu entwickeln, dass man nicht nur weiß, wie man Knöpfe drückt, sondern was dahinter passiert, wie dort die Systeme aussehen, was Plattformen überhaupt sind, das ist für mich ganz wesentlich, und das würde ich mir als Teil der Ausbildung wünschen.

Wie steht es mit weniger traditionellen Bereichen? Ich denke an Open Innovation-Prozesse oder die Maker-Bewegung?

Es sieht nicht schlecht aus, aber auch nicht richtig gut. Ich halte die Grundprinzipien von Open Innovation, die Nutzung von Maker Spaces und Anwendung von Coworking-Prinzipien, also das Öffnen von Unternehmensgrenzen und Interagieren mit der Gesellschaft, mit jungen Menschen, mit Bürgern, mit Kunden für sehr essentiell. Wir hatten jetzt selber vor kurzer Zeit bei Fraunhofer eine Veranstaltung zum Thema Smart City. Dabei habe ich wieder gesehen, mit welcher positiven Energie ganz unterschiedliche Gruppen aus der Gesellschaft interagieren und wie viele neue Ideen in extrem kurzer Zeit entstehen. Ich erlebe, dass viele Unternehmen jetzt solche Gedanken umsetzen, dass sie Methoden aus dem Design Thinking, aus agilen Programmiermethoden wie Scrum und Ähnlichem jetzt in ganz verschiedenen Bereichen einsetzen, nicht nur in der Produktentwicklung, sondern auch in anderen Funktionsbereichen. Wir haben jetzt eine Welle, in der die Unternehmen anfangen, zu experimentieren, out of the box zu denken, agile Teams aufzubauen, die sie sogar teilweise außerhalb der eigenen Betriebsgrenzen ansetzen, weil sie sagen: Wir wollen, dass die richtig in der Gesellschaft drin sind und dort eine hohe Interaktionsdichte stattfindet. Und ich glaube, wir werden da in den nächsten Jahren einen absoluten Boom erleben.

Sprechen wir mal über die Gefahren der Digitalisierung!

Das Thema Datenschutz und Datensicherheit ist superrelevant. Ich habe da allerdings den Eindruck, dass wir in Deutschland besonders sensibel sind, und das finde ich auch gut. Ich denke, wir müssen entsprechende Lösungen entwickeln, sowohl was die Regulatorik anbelangt als auch, was die technischen Systeme anbelangt. Das könnte auch ein Exportschlager werden, wenn wir besonders viel zum Thema Sicherheit auf den Weg bringen.
Die Bundesregierung hat viel Geld dafür eingesetzt, um dort zu Lösungen zu kommen. Eine andere Frage lautet: Wo sind die ethischen Grenzen? Das wird eine gesellschaftliche Debatte sein. Ich war neulich auf einem Workshop, bei dem es um autonome Systeme aller Art ging: Fahrzeuge, Drohnen und Ähnliches. Wir haben ein Drittel der Zeit über Technik gesprochen, ein anderes Drittel der Zeit über Sicherheit und Datenschutz und das dritte Drittel über ethische Fragen, also: Wie viel wollen wir davon? Das ist ein gesellschaftlicher Diskurs, der stattfinden muss. Wenn wir ein autonomes Fahrzeug haben, dann wird uns das sicher helfen. Die meisten Umfragen sagen, wenn das gut funktioniert und sicher fährt, dann werden wir das lieben. Aber wir sollten immer auch Herr des Systems bleiben. Wir sollten dem Auto sagen, wo wir hinfahren wollen, und nicht das Auto uns. Wir müssen also in dieser Autonomie immer auch den Button einbauen, mit dem wir Menschen sagen können: So und so weit, und jetzt möchte ich selber lenken. Selber Verantwortung übernehmen muss möglich sein. Das gilt auch für „the winner takes it all“. Die Gefahren sind da. Wir müssen sie halt ernsthaft diskutieren und dann auch zu Entscheidungen kommen. Die Politik ist dafür verantwortlich, das in entsprechende Rahmenbedingungen und Gesetze zu kleiden.

Zum Schluss, zwei Szenarien für 2030 bitte, ein positives und ein negatives!

Das Positivszenario ist: Wir sind 2030 eine Nation, die die digitale Transformation unserer Kernbranchen geschafft hat und die einen wesentlichen Beitrag für die Weiterentwicklung der Mobilität geleistet hat – sehr wichtig, weil viel Beschäftigung bei uns daran hängt. Wir haben entsprechend viele Lösungen generieren können, um entsprechende Produkte in den Weltmärkten platzieren zu können. Das muss unser Ziel sein, weil auf diesem Gebiet unser heutiger Erfolg liegt. Ich würde mir sehr wünschen, dass für dieses positive Szenario auch die Randbedingungen einer offenen Gesellschaft, eines Welthandels- und Weltwirtschaftssystems verfügbar wäre, das mit relativ offenen Grenzen funktioniert und nicht zu viel Regulatorik und Beschränkungen bieten würde. Das sehe ich im Moment als ein Problem in der aktuellen Debatte.

Und wenn Sie nach dem Worst-Case-Szenario fragen, dann ist das natürlich, dass wir an Geschwindigkeit verlieren, dass wir nicht die Fähigkeiten ausbauen, uns wirklich zu transformieren. Dass wir verharren und uns auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen. Die sind groß, und es ist immer eine Gefahr, wenn man so gut dasteht. Aber ich habe da eine große Hoffnung, dass wir das hinkriegen. Ich bin kürzlich vom Wirtschaftsminister Südkoreas gefragt worden: Warum geht es euch in Deutschland denn so gut? Dann habe ich zurückgefragt: Was denken Sie denn, warum es uns so gut geht? Und er sagte dann: Er sieht zwei Dinge. Das Erste: Industrie 4.0, das Zweite: der deutsche Mittelstand. Ich habe ihm darauf gesagt: Industrie 4.0 kann es nicht sein, denn da sind wir nicht viel weiter als andere auf der Welt. Und das Zweite, der deutsche Mittelstand, das ist das, was uns über Jahrzehnte geprägt und ausgemacht hat. Wenn wir das Best-Case-Szenario bekommen wollen, müssen wir den deutschen Mittelstand auf diese Reise mitnehmen und müssen alles tun, dass er dort seinen Beitrag leisten kann. Dann wird es uns auch 2030 gutgehen. Worst Case wäre, wenn wir das verlieren und nur wenige internationale Konzerne außerhalb Deutschlands das Geschäft dominieren würden. Wir müssen natürlich alles tun, damit genau das nicht passiert.

Zurück zu den Interviews