Interview Christoph Keese

 

Sie waren eine Zeit mit Ihrer Familie in Kalifornien. Bereuen Sie es, nach Deutschland zurück gekommen zu sein?

Teilweise ja. Wenn ich sehe, wie langsam der Wandlungsprozess in Deutschland ist. Wie schlecht die digitale Ausbildung ist. Wie wenige Computer es in den Schulen meiner Kinder gibt. Welch geringe Rolle das Programmieren dort spielt. Dann bereue ich es schon, weil ich die Kinder aus dem Silicon Valley in eine unterdigitalisierte Welt zurückgeholt habe. Da plagen mich schon Gewissensbisse.

Das Silicon Valley in Kalifornien und Shenzhen am Rande von Hongkong sind für Sie zwei gegensätzliche Welten – inwiefern?

Das Silicon Valley entwickelt Software, baut aber so gut wie keine Hardware. Das beste Beispiel dafür ist Apple. Shenzhen dagegen ist ungeheuer erfolgreich in der materiellen Produktion. Bei Foxconn arbeiten 250.000 der sogar 300.000 Mitarbeiter in der Produktion elektronischer Konsumgüter. Wenn wir in Deutschland nicht aufpassen, werden wir zwischen diesen beiden Trends aufgerieben. Ich habe jüngst eine Diskussion mit dem baden-württembergischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann und einem Unternehmer erlebt. Kretschmann sagte, wir sind gut aufgestellt. Baden-Württemberg wird das Silicon Valley in Deutschland werden. Der Unternehmer hielt dagegen: Nein, das werden wir nicht. Unsere beste Chance ist es, Shenzhen zu werden. Meiner Ansicht nach wäre das gar nicht mal so übel, wenn Deutschland Produktionsstandort für digitale Geräte würde. Das wäre sogar ein Erfolg. Wenn es schlecht läuft, werden wir keines von beiden.

Das erste iPhone ist 2007 auf den Markt gekommen. Mittlerweile ist es aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Was kommt da noch auf uns zu?

Das Smartphone ist das elektronische Gerät, das sich in der Technikgeschichte am schnellsten durchgesetzt hat. Es gibt noch weitere Trends. Zum Beispiel, dass alles mobil wird. Auch Kühlschränke werden in Zukunft eine Internet-Adresse haben. Nennen wir es Internet of Things. Die Cloud entwickelt sich mit einer enormen Geschwindigkeit weiter und auch künstliche Intelligenz erlebt derzeit einen exponentiellen Aufschwung. Diese Trends verlaufen äußerst schnell. Und sie verstärken sich wechselseitig. Autos sind bereits vernetzt, demnächst werden es auch Straßenlaternen und Fahrräder sein. Die enorme Geschwindigkeit überfordert uns. Innovationen in Deutschland liefen bisher vergleichsweise gemütlich.

Disruption – ist das im Silicon Valley tatsächlich ein Modewort?

Ja, das wird in jedem zweiten Satz verwendet, fast schon inflationär. Es gibt allerdings eine scharfe Definition: Disruption ist eine Form der Innovation, die bestehende Marktstrukturen zerstört und durch neue ersetzt. Es ist also etwas anderes als normaler Wettbewerb. Beispiel: klassische Telefone mit Tasten, aber ohne Smart-Funktion. Durch das Aufkommen von Smartphones gibt es diesen Markt praktisch nicht mehr. Wir sind es in Deutschland nicht gewohnt, in Disruptionen zu denken. Weder in der Verteidigung noch im Angriff. Wir lachen darüber – bis es zu spät ist.

Wie geht es weiter?

In höchstens zehn Jahren werden die meisten Autos nicht nur elektrisch, sondern auch autonom fahren. Dabei entstehen völlig neue Geschäftsmodelle. Man braucht kein eigenes Auto mehr, sondern zahlt für die Benutzung. Heute werden Autos 95 Prozent der Zeit nicht genutzt. Diese Nutzungszeit wird sich möglicherweise auf zehn Prozent verdoppeln. Das bedeutet, wir brauchen nur noch halb so viele Autos. Dieser Trend trifft alle Branchen, die etwas mit dem Automobilbau zu tun haben: die Autofabriken, die Hersteller von Reifen, das Händlernetz, die Banken. Viele Autos der Zukunft werden nicht mehr im Besitz ihrer Fahrer sein. Vielmehr bestellt man sein Auto einfach, indem man auf einen Knopf seines Smartphone drückt. Im Unterschied zum heutigen Car Sharing kommt das Auto dann selbständig angefahren und es fährt auch selber zum Tanken oder zur Inspektion.

Dabei ist der Automobilbau die deutsche Kernbranche.

In dem Augenblick, wenn Autos nicht mehr gelenkt werden, entsteht ein neuer Markt. Die Menschen haben auf einmal die Hände frei. Sie haben Zeit. Was machen sie damit? Einige werden sicherlich nur entspannen, schlafen, aus dem Fenster schauen oder Bücher lesen. Die meisten werden sich aber langweilen und die Zeit nutzen wollen. Man wird seinen Urlaub planen oder die Kinotickets fürs Wochenende kaufen. Auf den Bildschirmen in den Autos geht es richtig ums Geschäft. Und der Wert dessen, was auf den Plattformen hinter dem Bildschirm läuft, wird den Wert des Autos bei weitem übersteigen. Man kann künftig im Auto auch essen. Die Autos der Zukunft werden teilweise sechs Meter lang sein. Man wird seine Dienstreise von Berlin nach München nicht mehr mit dem Flugzeug machen, sondern sich nachts bequem mit einem fahrenden Schlafzimmer oder einem fahrenden Restaurant durch die Gegend kutschieren lassen. Um am nächsten Morgen entspannt in München anzukommen.

Was heißt das für Daimler, VW, Porsche oder für Zulieferer wie Bosch?

Natürlich wird es weiter Autos geben. Aber der Druck auf die Preise steigt. Weil die Menschen häufig nicht mehr selber die Käufer sein werden, sondern große Flottenbetreiber. Außerdem wird das meiste Geld nicht mehr mit der Produktion von Autos verdient. Wenn die Automobilindustrie nicht aufpasst, wird sie von dem entscheidenden Business abgeschnitten.

Haben sie so etwas wie eine Lieblings-Disruption?

Die ganze Welt ist voller Umstände und Gegenstände, die nach Disruptionen rufen. Überall dort, wo wir von den Prozessen, wie sie heute sind, gestört werden. Beispiel: Niemand steht gerne an der Ampel. Wer es schafft, Autos zu bauen, die nicht mehr an der Ampel warten müssten, weil der Verkehr sich selber reguliert, hat ein riesiges Publikum. Anderes Beispiel: Staus sind eine unglaubliche Verschwendung von Lebenszeit und von volkswirtschaftlichem Wert. Wer den Stau abschafft, kann enorme Umsätze damit machen. Oder: Das Bezahlen an der Supermarktkasse ist absolute Zeitverschwendung. Mir tut jeder Kassierer leid, der dort sitzt und arbeitet. In zehn Jahren wird es diesen Job nicht mehr geben. Wir bestellen in Zukunft entweder direkt im Internet und die Ware wird nach Hause geliefert. Oft von Robotern, die sogar Treppen steigen können. Oder wir gehen in den Supermarkt, packen alles in unseren Einkaufswagen und fahren einfach zur Tür raus – und das System rechnet automatisch ab. Parkhäuser, in denen man nach Münzen in seiner Tasche suchen muss, sind Zeitverschwendung. Oder Urlaub buchen, stundenlang vor dem Computer sitzen, um das richtige Hotel zu finden, sei es mit Meerblick oder ohne, das ist alles Zeitverschwendung. Es birgt aber auch Gefahren. Trotzdem werden viele die Vorteile erst einmal begrüßen.

Welche Gefahren meinen Sie?

Sie liegen woanders, als wir allgemein vermuten. Derzeit wird viel darüber geschrieben, dass künstliche Intelligenz sich irgendwann mal gegen den Menschen selber wenden könnte. Dass wir von der eigenen Evolution überholt werden. Ich glaube, die Gefahren sind viel greifbarer. Ein Beispiel ist der Trend zur Monopolisierung im Internet. EBay, Amazon, Facebook, Apple – diese Quasi-Monopolstellungen kommen mit allen Nachteilen daher, die wir kennen: geringe Auswahl, überhöhte Preise, Monopolrenditen, eine Beeinflussung des Publikums. Kurz: Marktmissbrauch. Darauf ist unsere Gesellschaft nicht eingestellt. Im Internet gibt es de facto keinen Datenschutz mehr, weil wir zulassen, dass unsere persönlichen Daten in allen Anwendungen und Formen von Internetkonzernen gebraucht und missbraucht werden.

Reden wir mal über Businessmodelle!

Für ein Auto zahle ich zwischen 30 000 und 50 000 Euro. Und das war es dann, das Geschäft der Autofirma. Hin und wieder kaufe ich ein Ersatzteil, aber in der Regel verliert der Hersteller in dem Moment, in dem der Wagen aus der Fabrik rollt, den Kontakt zu mir als Kunden. Das muss nicht sein! Moderne Autos haben LED-Scheinwerfer. Die LED-Leuchten sind programmierbar und können auch umprogrammiert werden. Und es könnte sein, dass man das Auto mit einer Basisfunktion kauft und dann weitere Dienste dazu abonniert. Ein anderes Beispiel: Wenn Ihre Kinder auf der Rückbank ein bisschen fernsehen, geben Sie für die beiden Bildschirme etwa 1000 Euro aus. In Zukunft kann es sein, dass Sie diese Bildschirme vielleicht ab Werk geschenkt bekommen. Dafür müssen Sie dann aber ein Abonnement abschließen – mit einem bestimmten Kontingent an Filmen, dazu Netflix und Serien. Das ist der Wechsel von einem Verkaufs- zu einem Abonnement-Modell. Oft sind Innovationen bei den Geschäftsmodellen wichtiger als die Technik.

Was kann der Einzelne tun, um sich auf die Entwicklung einzustellen?

Was auf uns als Gesellschaft zukommt, wird enorme Veränderungen für den Einzelnen mit sich bringen. Für jeden ist es geboten, sich so früh wie möglich mit dem Neuen zu beschäftigen, um früher reagieren zu können als andere.

Ein Beispiel?

Den Kindern programmieren beibringen. Die vier wichtigsten Kulturtechniken des 21. Jahrhunderts sind: Lesen, Schreiben, Rechnen, Programmieren. Aber die vierte findet in unseren Schulen kaum statt. Oder man kann sich die Frage vorlegen: Wie wird mein Job von digitaler Disruption betroffen sein? Nach einer ernstzunehmenden Oxford-Studie werden im Verlauf der nächsten zehn Jahre 47 Prozent aller Berufsbilder angegriffen, wenn nicht sogar abgeschafft. Digitalisierungskompetenz bedeutet eben nicht, dass man ein Smartphone kauft und lernt, Apps auf dem Bildschirm hin und her zu schieben. Digitalisierungskompetenz bedeutet, sich aus dem selbstverschuldeten Zustand der Unwissenheit zu befreien. Um ein Wort von Immanuel Kant ins Spiel zu bringen. Wie kann ich mich persönlich in dieser Entwicklung so positionieren, dass ich am Ende zu den Gewinnern und nicht zu den Verlierern zähle?

Was sollen Unternehmen in naher Zukunft tun?

Unternehmen müssen sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass ihr eigenes Geschäftsmodell durch digitale Disruption abgeschafft werden kann. Sie müssen sich selber mit den Kannibalen verbünden, die ihr Geschäftsmodell angreifen. Alle Versuche, aus eigener Kraft disruptiv zu werden und die eigenen Geschäftsmodelle zu hinterfragen, sind statistisch gesehen nicht zielführend. Das bedeutet nicht, dass man selber nicht mehr den Versuch unternehmen sollte, darüber nachzudenken. Klüger ist es aber, mit der lebendigen Startup-Szene zusammen zu arbeiten und sich die Disruptoren und Kannibalen zu Verbündeten zu machen. Also, investiere in deinen Kannibalen, sorge dafür, dass die kreative Energie, die außerhalb deines Unternehmens stattfindet, in das Unternehmen hinein kommt! Nur wer die Attacke auf das eigene Geschäft reitet, wer diese Radikalität besitzt, hat die Chance, selber zum Nutznießer der Disruption zu werden.

Was soll der Staat tun?

Es ist erschütternd, wie wenig Digitalkompetenz wir in den Schulen vermitteln. In China und in den USA ist das anders. Außerdem sollten die Universitäten mehr Mut machen, Unternehmen zu gründen. Sie müssen als Bildungsideal formulieren, dass es neben der Anstellung in einem Unternehmen auch die Option gibt, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das wird aber nur funktionieren, wenn die Universitäten mehr Autonomie bekommen. Wenn die Wissenschafts- und Bildungsministerien sich aus der Leitung zurückziehen – und es wie bei einem Stadttheater einem Intendanten überlassen bleibt, sein Haus zu führen. Wenn er das nicht gut macht, kann man ihn immer noch ablösen. Aber es kann nicht sein, dass die Autonomie der Stadttheater größer ist als der Universitäten. Hinzu kommt, dass der Staat einige Rechte und Gesetze ändern muss. Auch das Steuerrecht. Nicht um Subventionen zu gewähren, sondern um die Investition von Eigenkapital in Startups nicht so stark zu behindern, wie das heute der Fall ist. Auch da braucht es eine Ermunterungs- und eine Förderkultur. Wir investieren in Deutschland einen Bruchteil dessen – etwa ein 30tel –, was wir benötigen würden, um eine vernünftige disruptive Startup-Kultur in Deutschland zu finanzieren. Und das, obwohl das Land bildlich gesprochen im Geld schwimmt. Die Nettowertschöpfung, das Geld, was am Ende des Jahres in den privaten Haushalten und in den Firmen übrig bleibt, beträgt Hunderte von Milliarden Euro. Und so gut wie nichts davon landet in den modernen, die Wirtschaft erneuernden Startups. Das kann so nicht bleiben.

Beschreiben Sie bitte zwei Szenarien für Deutschland 2030 – best case und worst case!

Ich bin 1964 geboren, damit gehöre ich zum geburtenstärksten Jahrgang in Deutschland. Und wir sollten uns schon wünschen, dass das, was ich jetzt sage, 2030 eintritt und nicht erst 2040. Wir können das modernste Land der Welt sein. Wir können eine digitale Führungsrolle einnehmen. Wir können die modernsten Autos bauen. Wir können die modernsten Dienstleistungen rund um das Internet bereitstellen. Zugleich können wir gesellschaftlichen Ausgleich und Gerechtigkeit gewährleisten. Das kann das Silicon Valley nicht. Das ist nämlich ausgesprochen ungerecht, insbesondere bei den Gehältern. Die Menschen, die keine Top-Programmierer sind, sondern ganz normale Jobs ausüben, können es sich oft gar nicht leisten, in der Nähe der Firmen zu wohnen. Sondern müssen stundenlang mit dem Auto hin- und herfahren, weil die Mieten so stark gestiegen sind. Also, ein gerechtes Hightech-Land mit den leitenden Technologien des 21. Jahrhunderts und damit einer der wohlhabendsten und schönsten und gerechtesten Staaten der Welt. Das ist das positive Szenario.

Das Negativszenario ist, dass wir ein Technikmuseum werden. Man fährt dann ins Legoland, ins Disneyland oder eben ins Deutschland. Und dort kann man die Technologie des 19. Jahrhunderts bewundern. Das sind alte Fabriken, die mechanische Gegenstände herstellen. Die sind zwar immer noch qualitativ hervorragend, mit ihnen kann man aber kaum noch Geld verdienen. Wir produzieren die Blechhüllen, in denen dann chinesische Computer, programmiert von amerikanischen Softwareunternehmen, den größten Teil des von uns erwirtschafteten Geldes absaugen. Wir sind eine alternde Gesellschaft, die es nicht verstanden hat, über ihre eigene Welt hinaus zu denken. Und der es nicht gelungen ist, der nachfolgenden Generation eine intakte Ökonomie zu hinterlassen. Dann wäre genau das eingetreten, was Frank Schirrmacher in seinem Buch Das Methusalem-Komplott geschildert hat. Seine zentrale These war, dass die politische Mehrheit der alternden Jahrgänge dazu führt, dass die wirtschaftlichen und existentiellen Interessen der Jüngeren nicht berücksichtig werden. Die Diktatur der Älteren hat dazu geführt, dass die Jüngeren keine wirtschaftliche Lebensgrundlage in Deutschland mehr finden.

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