Neue Horizonte prägen Diskurse in der Post-Corona-Zeit

Mit ihren Szenarien hat D2030 aufgezeigt, wie Deutschland in einigen Jahren aussehen könnte. Allerdings sind die Szenarien bereits 2017 entstanden – also drei Jahre vor der Corona-Pandemie. Daher haben wir uns im Frühjahr 2020 als Partner an einem Open-Source-Projekt der ScMI AG beteiligt, in dem Post-Corona-Szenarien entwickelt wurden. Diese Szenarien beziehen Größen ein, die direkt mit Corona zusammenhängen, beispielsweise die Zahl und Intensität zukünftiger Epidemien und Pandemien, die Bedeutung von Resilienz in Gesundheit und Wirtschaft sowie die Entwicklung direkter und virtueller Kommunikation.

Spannend war für uns nun, wie sich die allgemeineren D2030-Szenarien mit den Post-Corona-Szenarien verknüpfen lassen. Dazu wurden die einzelnen Schlüsselfaktoren analysiert und systematisch eine Verträglichkeit der einzelnen Szenarien ermittelt. Das Ergebnis ist in der Zukunftsmatrix oben dargestellt.

In dieser Matrix zeigt sich in der Mitte (blauer Rahmen) ein Erwartungsraum, der die fünf D2030-Szenarien mit höheren Erwartungswerten sowie die fünf Post-Corona-Szenarien mit höheren Erwartungswerten beinhaltet. Innerhalb dieses Erwartungsraums lassen sich verschiedene Felder mit besonderer Konsistenz bzw. inhaltlicher Übereinstimmung erkennen:

  • Neue Horizonte: Das erste große Cluster umfasst die drei „Neue-Horizonte“-Szenarien aus dem D2030-Projekt, die sich besonders gut mit den Post-Corona-Szenarien „Neue globale Dynamik“ und „Massive Virtualisierung“ vertragen. Hier bündeln sich auch die Wunschperspektiven, die einerseits aus den drei Neue-Horizonte-Szenarien und andererseits aus der neuen, globalen Dynamik bestehen.
  • Unternehmensgetriebener Wandel: Das Post-Corona-Szenarien „In Corporate Hands“ weist eine hohe Konsistenz zum D2030-Szenario „Spielräume für die Zivilgesellschaft“ auf, das auch als Freiheits-Szenario beschrieben wird. Allerdings besteht auch eine hohe Konsistenz zum wenig wünschenswerten D2030-Szenario „Spaltung trotz wirtschaftlichem Erfolg“, was den zwiespältigen Charakter dieses Clusters darstellt.
  • Wohlfühlen in der Virtualisierung: Ein besonderes Cluster entsteht durch Kombination des Post-Corona-Szenarios „Massive Virtualisierung“ mit dem D2030-Szenario „Wohlfühl-Wohlstand“. Es ist also denkbar, dass die Corona-bedingte Digitalisierung nicht direkt in die von nachhaltigem Wandel geprägten Neue-Horizonte-Szenarien führt, sondern in eine neue, eher von gesellschaftlicher Stagnation geprägte Phase.
  • Suffizienzorientierter Umbau: Das vierte Cluster befindet sich nur teilweise im Erwartungsraum, denn insbesondere sein Schwerpunkt befindet sich nah beim D2030-Szenario „Bewusste Abkopplung“. Hier könnte die Bewertung der Post-Corona-Szenarien aber darauf hinweisen, dass eine solche Entwicklung durchaus vorstellbar ist, worauf ja auch die deutlich gestiegenen Erwartungswerte dieses Szenarios im D2030-Corona-Stresstest hinweisen.
  • Pandemische Fortsetzung: Ein Sonderfall stellt das Post-Corona-Szenario „Das pandemische Jahrzehnt“ dar, denn es ist das einzige Szenario, welches keinen Konsistenz-Höchstwert zu anderen Szenarien aufweist. Der Grund dürfte darin liegen, dass es die Corona-spezifischste Zukunft beschreibt, der auf Seiten der D2030-Szenarien kein Pendant gegenübersteht. Auf der anderen Seite zeigt die Verknüpfung auch, dass Vielfalt eine Stärke beim Umgang mit langfristigen pandemischen Entwicklungen sein dürfte.

Auch außerhalb des Erwartungsraums gibt es konsistente Entwicklungscluster, die insofern als Stör- oder Risikoszenarien interpretiert werden können:

  • Die Goldenen Zwanziger: Dieses Post-Corona-Szenario entspricht im Grunde der „Spurtreuen Beschleunigung“ aus dem ersten D2030-Grundszenario, mit dem Schwerpunkt „Wohlfühl-Wohlstand“.
  • Systemkrise: Den beiden kritischen Post-Corona-Szenarien („Die kontinuierliche Krise“ und der „Zerfall der Ordnung“) entsprechen auf der D2030-Seite der „Unaufhaltsame Abstieg“ sowie das Grundszenario „Alte Grenzen“. 

Zusammenfassend ist zunächst festzuhalten, dass die Ergebnisse beider Szenarioprozesse eine hohe Übereinstimmung aufweisen. Darüber hinaus zeigt sich eine grundsätzlich optimistische Sicht auf die Zukunft, denn die langfristig erwarteten Entwicklungen zeigen eine hohe Deckung mit den jeweiligen Wunschszenarien. Insofern können beide Szenarioprozesse auch einen Beitrag dazu leisten, dass nicht verängstigende Schreckensmeldungen dominieren, sondern ein aus Sicht vieler Menschen gewünschter Wandel ins Blickfeld rückt. Damit diese gewünschte Transformation aber in Gang kommt, sollten der lediglich auf die alte Normalität zielende Krisenmodus und die „Wiederaufbau-Mentalität“ überwunden werden und stattdessen eine Entwicklung in Richtung einer breiteren Innovation und eines signifikanten transformativen Wandels angestrebt werden.

Dazu wollen wir die D2030-Szenarien weiter qualifizieren und insbesondere die verschiedenen „Neue Horizonte“-Szenarien sowie den erweiterten Wunschraum vertiefter beleuchtet. Ziel ist es, gesellschaftliche Konfliktlinien im Kontext der sozialen, ökonomischen, wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche möglichst frühzeitig zu erkennen und in einem Dialog mit vielfältigen Akteuren erfolgversprechende Transformationspfade zu entwickeln. Szenarien sollen dabei als Werkzeug verstanden werden, das Orientierung in Zeiten hoher Unsicherheiten bietet und einen offenen und konstruktiven Dialog über wünschenswerte Pfade in die Zukunft anregt und begleitet.

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